radio multikulti
Roma in Serbien (Foto: dpa)

Sinti und Roma - acht Fragen, acht Antworten

Roma, Sinti, Zigeuner. Wie heißen sie denn nun richtig?

Wir sind alle Roma, sagen manche Roma-Forscher, und die Sinti sind diejenigen von uns, die auf der langen Wanderung aus Indien bereits im späten Mittelalter in Westeuropa ankamen. Aufschrei der Sinti: Wir sind ein Volk aus der Region Sindh, am unteren Flusslauf des Indus, das gleichzeitig mit den Roma-Völkern Ashkali, Kalderas oder Tamara Kriegen auswich. Nämlich zur Zeit des afghanischen Eroberers Mahmud von Ghazni um 1020 nach Christus.

Dennoch gilt heute international auch für Sinti der Oberbegriff Roma. Rom heißt einfach Mensch oder Mann, Romni ist der weibliche Begriff. Ein Mann aus dem Volk der Sinti ist ein Sinto, eine Frau eine Sintezza. Als Zigeuner lassen sich beide, zumindest in Deutschland, gar nicht gern bezeichnen, weil der Name nach Nazi-Lesart von "ziehender Gauner" kommen soll. Wahrscheinlicher ist jedoch die Herleitung von "Acinganoi", einer griechischen Sekte, oder "Gitano", im hispanischen Sprachraum Ägypter. Derzeit lässt die Abneigung gegen den Begriff Zigeuner aber wieder nach: die Sinti haben gar nichts gegen ihn einzuwenden, wenn er im freundlichen Sinne gebraucht wird.

Asien, Ägypten, Spanien. Woher kommen Sinti und Roma eigentlich?

Ursprünglich kommen Sinti und Roma aus Indien. Das wird aber erst seit Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich und Deutschland erforscht. Vorher hielt man sie für Ägypter, die über Spanien nach Europa eingewandert seien. Heute ist sicher, dass Sinti und Roma ihre indische Heimat in mehreren Auswanderungswellen seit dem 5. Jahrhundert verließen. Eine massive Wanderung setzte im 11. Jahrhundert ein, wahrscheinlich ausgelöst durch die Eroberung Nordindiens durch muslimische Truppen aus dem heutigen Afghanistan.

Heimatlos geworden wanderten Sinti und Roma über die Jahrhunderte zunächst nach Persien, Kleinasien und in das Byzantinische Reich. Nur eine kleine Zahl kam bis Ägypten. Zu Anfang des 14. Jahrhunderts gingen viele in Richtung Griechenland und verteilten sich bis zum Ende des 16. Jahrhunderts über den gesamten europäischen Kontinent. Diese Wanderungsbewegungen kann man anhand von Lehnwörtern nachzeichnen, die Sinti und Roma in ihre gemeinsame Sprache, das Romanes, aufgenommen haben.

Wieso bezeichnen sich Sinti und Roma als Völker, obwohl sie zu verschiedenen Staaten gehören?

Sinti – wir nennen sie weiterhin ihrem Wunsch entsprechend separat – und Roma haben eine gemeinsame Sprache, das Romanes. Sie ist eng mit dem Sanskrit verwandt. Durch die sprachlichen Einflüsse der unterschiedlichen Gastländer erscheinen die Dialekte der jeweiligen Gruppen beim ersten Hinhören so verschieden, dass die gegenseitige Verständigung anfangs oft schwierig ist. Trotzdem zählen alle Dialekte zu einer Sprache.

Über Romanes identifizieren sich Sinti und Roma mit der eigenen ethnischen Gruppe. Das kommt besonders gut in den Begriffen "Rom" und "Gadscho" zum Ausdruck. Rom heißt Mensch, Mann, aber auch wir; Gadsche sind die Anderen, der Gadscho übersetzt man mit "Nicht-Zigeuner". Gadscho ist kein abwertender Begriff, sondern nur Ausdruck dafür, dass er zu den Anderen gehört. Noch ein bisschen Romanes? Guten Tag heißt "Latscho diwes" und "Bachtalo drom" bedeutet in etwa Auf Wiedersehen, genau aber: "Ich wünsche Dir einen glücklichen Weg".

Stimmt es, dass Sinti und Roma, die in der Nazizeit verfolgt wurden, kaum Entschädigung erhielten?

1940 leitete das Hiltlerregime den Völkermord an Sinti und Roma ein. Mit ihnen wurden auch Jenische in Konzentrationslager verschleppt, ein immer schon in Europa heimisches, teils wanderndes Volk. 500.000 so genannte Zigeuner kamen in den Lagern um. Nach dem Krieg wurden Abteilungen des Reichssicherheitshauptamtes für Zigeunerfragen oft mit dem gleichen Personal in Landfahrerzentralen umgewandelt. Sie arbeiteten mit Vorstellungen aus der NS-Ideologie an einer Erfassung und Festsetzung von Sinti, Roma und Jenischen.

In Hamburg zum Beispiel sollten Zigeuner so untergebracht werden, dass sie von der Polizei ständig beobachtet werden konnten. Viele Kommunen widersetzten sich einer Rückkehr und Integration der KZ-Überlebenden. 1950 gab der Finanzminister von Baden-Württemberg eine Anweisung an die Wiedergutmachungsbehörden, nach der "der genannte Personenkreis überwiegend nicht aus rassischen Gründen, sondern wegen seiner asozialen und kriminellen Haltung verfolgt und inhaftiert worden ist". Wiedergutmachungsanträge sollten zuerst an den Kriminalerkennungsdienst geleitet werden. Erst 1981 erlaubte der Bundestag eine Pauschalentschädigung von bis zu 5.000 Mark für noch lebende Verfolgte des NS-Regimes. Wer jedoch schon 50 oder 100 Mark Rassensondersteuer zurückerhalten hatte, ging leer aus. Seit 15 Jahren wird in Deutschland eine veränderte Wiedergutmachungspolitik gegenüber Sinti, Roma und Jenischen sichtbar.

Wie ist der Stand der Diskussion um das Sinti- und Roma-Mahnmal?

Seit 2002 ist das Geld bewilligt, ein Entwurf zum Mahnmal liegt vor. In Form eines Brunnens und einer Stele soll der 500.000 ermordeten europäischen Sinti und Roma gedacht werden. Doch der Bau hat noch nicht einmal begonnen. Sinti, Roma und Parteien können sich über die Inschrift nicht einigen. Auszug aus dem Vorschlag von Kulturstaatsministerin Christina Weiss: "Wir gedenken aller Kinder, Frauen und Männer, die von den Nationalsozialisten in ihrem menschenverachtenden Rassenwahn als Zigeuner in Deutschland und Europa verfolgt und ermordet wurden".

Sintiorganisationen sind damit einverstanden, Roma stört das Wort "Zigeuner". Sie befürworten ein Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, dessen erster Satz lautet: "Der Völkermord an Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden wie der an den Juden". In dieser Inschrift kommt der Begriff Zigeuner nicht vor. Aber es bleiben alle Gruppen unerwähnt, die während der NS-Zeit als Zigeuner verfolgt wurden und sich nicht zu Sinti oder Roma zählen.

Gibt es heute noch eine eigenständige Sinti- und Roma-Kultur?

Die Kultur der Sinti und Roma ist mehr als nur Zigeunermusik. Sie wird von Tradition und Gruppenzusammenhalt geprägt. Hochzeit, Geburt und Beerdigung feiert man – wenn möglich – mit dem ganzen Clan und allen Nachbarn. Obwohl Sinti und Roma in der Regel die Religion des Landes angenommen haben, in dem sie leben, finden sich in ihren Zeremonien immer noch Zeichen ihrer indischen Vorfahren. So bemalen sich Braut und Brautjungfern in Osteuropa die Hände mit Henna, eines der vielen Brautgewänder ist mit Gold- und Silberfäden durchwirkt. Bei einer ganzen Reihe von Gruppen hat sich der Brauch des Brautpreises gehalten, einer Zahlung des Bräutigams, um die Familie der Braut für den Verlust der Tochter zu entschädigen.

Die ältere Generation genießt hohe Achtung und wird als Autorität anerkannt. Bis zum zweiten Weltkrieg wurde die Kultur fast ausschließlich in Form von Märchen und Geschichten weitergegeben. Mit ihnen erklärten die Alten den Jungen ihre Herkunft und wie man richtig lebt. Im Zentrum der Geschichten stehen die Familie und die Überzeugung, dass der Sinn menschlicher Existenz nicht im Haben, sondern im Sein besteht. Seit Anbeginn ihrer Wanderung sind Sinti und Roma vor Kriegen geflohen und so gilt ihnen Krieg als das größte Verbrechen.

Können Zigeuner wirklich hellsehen?

Wer weiß? Vielleicht erspüren Gruppen, die sich über Generationen auf ständig neue Lebensverhältnisse einstellen mussten, die immer wieder verfolgt wurden, mehr als andere was in ihrem Gegenüber vorgeht. Wahrscheinlich aber haben die Zigeuner aus der Not eine Tugend gemacht. In jeder Kultur wird gedeutet. Aus den Sternen, den Linien der Hände, aus Knochen, Kaffeesatz und Karten. Die Zigeuner lernten auf ihrer Jahrhunderte langen Wanderung viele dieser Techniken kennen. Sie selbst fanden vielleicht eine Art Sicherheit im weissagen. Und weil sie in ihren Gastländern ohnehin oft verteufelt wurden, konnten sie aus dem unterstellten Umgang mit der Magie auch gleich einen Broterwerb machen.

Das derzeit wieder beliebte Zigeunertarot geht nicht auf sie zurück. Spielkarten sind in Italien schon seit 1370 bekannt, die ersten Zigeuner kamen erst 40 Jahre später nach Europa. So deuteten sie die Zukunft auch zunächst mit Spielkarten. Der erste gesicherte Nachweis eines Tarot stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Es zeigte handgemalte mittelalterliche Vorstellungen von Liebe, Tod und Ewigkeit und war so teuer, dass es nur an Fürstenhöfen benutzt wurde.

Jenische? Nie gehört!

500.000 Jenische soll es in Europa geben, 200.000 in Deutschland, doch man nimmt sie kaum wahr. Seit niemand mehr Korbmacher, Scherenschleifer oder Kesselflicker braucht, arbeiten die wenigen noch fahrenden Jenischen als Schausteller, sind Schrott- oder Antiquitätenhändler. Die Romantiker unter ihnen halten sich für Nachfahren jüdischer Kelten, eine bisher dürftige Forschung sieht ihre Entstehung während der europaweiten Kriege des 16. und 17. Jahrhunderts. Damals verloren 10 Prozent der eingesessenen Bevölkerung dauerhaft Hof und Land, die Menschen mussten sich als Kleinhändler und fahrende Handwerker durchschlagen.

Die jenische Sprache enthält Elemente des Deutschen, Jiddischen und Romanes; einige Wörter lassen tatsächlich keltische Ursprünge erkennen. Unter dem NS-Regime wurden die Jenischen als so genannte Zigeunermischlinge genau wie Sinti und Roma verfolgt und ermordet und erhielten wie diese nach dem Krieg kaum Wiedergutmachungsleistungen. In der Schweiz verbrachte man Kinder von Jenischen bis 1972 zwangsweise in Heime. Erst seit wenigen Jahren organisieren sich die Jenischen, vielleicht wird die weitere Forschung zeigen, dass sie Nachfahren der Urnomaden Europas sind.

© 2007 Rundfunk Berlin-Brandenburg

Fenster schließen!