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Berlin (Foto: dpa)

Litauische Künstler in Berlin

Mythos und günstige Preise – drei Künstler richten sich ein

In Berlin leben derzeit Menschen aus über 184 Staaten. Eines der Herkunftsländer ist Litauen. Nach einer Mitteilung des Statistischen Landesamtes haben 743 Bürger Litauens in Berlin ihren Wohnsitz. Auch wenn diese knapp 800 oft Gäste, vielleicht auch ständige Gäste haben, viel ist das nicht. Allerdings sind unter den Berliner Litauern sind sehr viele Kulturschaffende und Künstler. Was suchen sie in Berlin? Drei Portraits von Aukse Kancereviciute.

Galeristin Giedre Bartelt zählt sich schon fast zu den Alteingesessenen. Sie kam vor 16 Jahren nach Berlin. Allerdings war das nicht ihre erste deutsche Station. Zunächst war sie in die Provinz gezogen, wie sie sagt, und ging erst später nach Berlin. „Meine Migration war zuerst sprachlich. Ich hatte schon in Litauen Deutsch studiert und mich für die deutsche Kultur interessiert. Dann heiratete ich einen deutschen Mann und lebte mit ihm in der westdeutschen Provinz“.

Migration zunächst sprachlich

1992 dann zog sie in die Hauptstadt und gründete in Berlin-Mitte eine Galerie. „Hier war es noch relativ billig. Eine ähnlich große Galerie hätte ich in Vilnius nicht halten können“, erzählt sie. Mit ihrer Galerie will Giedre Bartelt zeitgenössischen Künstlern aus dem Baltikum, aus Polen, Russland und Weißrussland eine Chance geben, will ihre Arbeiten hier ausstellen und bekannt machen: „Ich will dem Berliner Publikum die litauische Kunst näher bringen, will ihnen neue litauische Künstler präsentieren. Aber es gibt da gewisse Mentalitätsunterschiede zwischen Litauern und Deutschen.“

So sei es in Deutschland für die Künstler sehr wichtig, auch ein soziales Interesse zu entwickeln und zu zeigen, dass sie aktiv sind, dass sie sich in der Gesellschaft zeigen, sich äußern und teilnehmen. In Litauen dagegen sei dies ganz anders. Die Künstler könnten auch erfolgreich sein, ohne außerhalb ihrer Kunst für Bekanntheit sorgen zu müssen. Dort müssten sie nicht immer aufs neue mit zahlreichen Katalogen von ihren Werken auf sich aufmerksam machen.

Die sozialistische Vergangenheit wirke hier in ganz verschiedenen Kontexten. „So habe ich hier eine Ausstellung gemacht, die sich mit den ideologischen Mythen und der Welt der sozialistischen Arbeit in der Sowjetunion auseinandersetzte. Zuerst dachte ich dabei, es sei gerade in Berlin wichtig, so etwas hier auszusellen, wo doch hier die Staatsicherheit am stärksten war und das Thema bekannt und aktuell ist. Aber ich war dann zutiefst schockiert, als ich merkte, dass diese ironische Herangehensweise in den Kunstwerken vom Zuschauer ignoriert wurde“, schildert sie ihre Eindrücke. „Wenn es um schwarzen Humor geht, um Selbstironie, dann ist bei den Deutschen immer eine gewisse Grenze erreicht.“

Statt über Umwege direkt - Berlin ist Spitze in Sachen Kunst

Gediminas Kepalas dagegen kam nicht über Umwege sondern direkt nach Berlin, gezielt in die deutsche Hauptstadt. Er wollte den Mythos untersuchen, Berlin sei in Sachen Kunst ganz an der Spitze in Europa. Vor acht Jahren war er das erste Mal in der Stadt. Seit 2005 nun wohnt er ständig in Berlin. Er begann sein Studium in Vilnius und kam dann für seine Magisterarbeit und weitere Studien an die Kunsthochschule Berlin-Weißensee: „Berlin ist ja nicht so weit weg von Litauen, gerade 1000 Kilometer. Hier kann man ohne Probleme hin und zurück fahren oder fliegen.“ Auch die Studienmöglichkeiten hätten sich ja mit der Öffnung des Landes in Richtung Westen deutlich erweitert.

Aber Kepalas hält es für wichtig zu betonen, dass er kein Auswanderer ist: „Ich bin nicht hierher gekommen auf der Suche nach einem besseren Leben.“ Für ihn sei es wichtig, dass ein Künstler die Distanz wahrt, dass er immer auch die andere Seite betrachtet. Die Künstler seien da ganz unterschiedlich, manche ziehe es in die Metropolen, andere in die Provinz, auch in Länder wie die Schweiz oder nach Dänemark“.

Auch wenn Berlin einer der größten Galerienstandorte Europas sei, sei es für viele Künstler hier sehr schwer, einen Platz zu finden, erklärt Kepala: “Hier wohnt eine sehr, sehr große russische Gemeinde, die es vielen leicht macht, ganz ohne deutsche Sprache auch eine Galerie zu finden. In diese Ausstellung kommen dann aber oft auch nur Zuschauer aus Osteuropa. Einen Kontakt mit der deutschen Bevölkerung, den Menschen in Berlin zu bekommen, ist da für viele sehr schwierig“, sagt Kepalas. Außerdem sei es für viele auch geschäftlich nicht unbedingt einträglich, in Berlin auszustellen. Zwar könne man hier in vielen Ausstellungen seine Werke präsentieren, Kunstsammler oder Käufer allerdings fahren oft eher nach Hamburg, Düsseldorf oder London. „Ich bin kein Auswanderer, eher ein Nomade. Nächsten Monat fahre ich nach Finnland, wer weiß, vielleicht bleibe ich dort oder ich entscheide mich für etwas ganz anderes“, sagt Kapalas.

Die erste Wohnung bei Bekannten und Musik in der U-Bahn

Raminta Kurklietyte ist Musikerin. Sie spielt Saxophon und ist nunmehr auch schon seit sieben Jahren in Berlin: “Ich habe an einer Musikhochschule in Vilnius studiert und möchte ganz verschiedene ethnographische Stile kennen lernen. Und Berlin ist ja nun einmal eine Multikulti-Stadt. Hier kann man auch sehr exotische Musik Dutzender verschiedener Volksgruppen hören.“ Ihre erste Wohnung fand Raminta bei Bekannten, sie hatten Haus in Mitte. Dort habe sie dann den Berliner Underground kennen gelernt, Künstler aus Latinamerika, aus Asien und aus Osteuropa, viele von ihnen aus Polen. „Wir haben Werke aus Müll gemacht. Musiker spielten einfach auf der Straße oder in der U-Bahn“, erzählt sie über ihre erste Zeit in der Stadt. Meistens hätten sie kaum Geld fürs Essen gehabt und sich von abgelaufenen Lebensmitteln ernährt.

Auch gern zurück, aber Wiedereingliederung ist schwierig

Dann habe sie in drei verschiedenen Klubs oder auf Partys Saxophon gespielt, auch als DJ gearbeitet. Vor drei Jahren ändert sie dann ihr Leben: „Früher oder später kommt der Moment, in dem Du sagst: ‚Ja, nun ist es genug.’“ Heute singt Raminta Kurklietyte in einer internationalen Gospel-Gruppe und spielt Saxophon in verschiedenen Kirchen: „Dort gibt es eine sehr gute Akustik und es kommt ein anderes Publikum, niemand raucht dort, oder trinkt.“ Raminta hat sich in Berlin eingerichtet.

Auch wenn es viele große und kleine Missverständnisse gebe, erzählt Raminta Kurlietyte, versuchten sehr viele litauische Kulturschaffende, sich in Berlin eine sichere Nische zu schaffen. Allerdings pflege sie auch weiter sehr enge Kontakte zu den Litauern in der Stadt. Und sie fährt sehr oft zurück in die Heimat: „Man könnte sagen, ich verbringe eines halbes Jahr in Berlin, und das andere halbe Jahr in Litauen. Ich würde gern zurück ziehen, aber die Wiedereingliederung in Litauen wäre für mich auch nicht mehr so einfach.“

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