

Ein polnisches Filmfestival gastiert in einer Weddinger Künstlerkolonie. Das Festival hat ein aufregend neues Konzept: die Beiträge werden zeitgleich in acht Städten Europas gezeigt. In Berlin ist es bislang noch ein Geheimtipp. Dabei hatten die Veranstalter es gar nicht so geheim gemeint.
Das muss er sein, der authentische, der wirklich tiefe Untergrund. Eine kinematografische Konspiration in den Tiefen des Wedding. Dritter Hinterhof, dann scharf rechts und zwei Mal klopfen. Dort steigt das Festival. Ein Filmfestival wider das kommerzialisierte Kino, ja selbst wider den Berliner Off-Kino-Betrieb. Irgendwie wider. Es ist wirklich verdammt schwer zu finden.
Im Erdgeschoss der kolossalen, ehemaligen Hutfabrik öffnet Josef Visler die schwere Eisentür und lacht. Josef lacht oft und gern. Und ganz besonders, wenn jemand das hier gefunden hat. Das hier ist eigentlich sein Atelier. Aber nun dient es als Kino für polnische Independentfilme. Ein ganzes Festival hat sich bei ihm eingenistet. Das ist schon lustig. Und nun steht wirklich einer hier und will sich Filme anschauen. Es wird ein guter Abend. Und vielleicht kommt ja sogar noch ein Besucher.
Eigentlich bin ich Kolonialist, sagt Visler und reibt sich kurz über die Brille. Aber ein guter. Er ist Vorstand des Künstlerverbunds Kolonie Wedding, spricht mit leicht süddeutscher Färbung. Josef ist viel rumgekommen. Früher war er Entwicklungshelfer in Südamerika. Dann sattelte er zum Bildhauer um und ging wieder ins, wie er sagt, bayrische Ausland, diesmal nach Berlin. Er hat wirklich viel gesehen, nur jenseits der Oder war er noch nie. Nun sind ihm die Polen zuvorgekommen.
Als die Anfrage wegen des Festivals kam, bot Josef selbstredend seinen Raum an. Dann lief aber irgendwas nicht ganz so, wie es sollte. Die Verträge der Helfer, zwei ABM-Stellen, mit denen der Bezirk den Künstlerverein unterstützt, gingen zu Ende. Die Kommunikation mit der Filmfestivalleitung in Zielona Góra kam ins Stocken. Und als dann noch die Sommerferien begannen… Josef schüttelt den Kopf und lächelt verlegen.
Er steht in seinem Atelier, dreht sich halb in den Raum, dann verharrt er kurz. War da was? Nein, nein. Er greift in die Tasche seiner kurzen Hose und holt Tabak raus. Vorhin, ja, da hat es mal geklopft. Gleich zwei Mal, wie es sein soll. Doch es war Mary, eine Bekannte aus den Staaten. Sie wohnt in Neukölln und ist für den Abend vorbeigekommen. Von den polnischen Filmen hat sie nichts gewusst, als sie in Josefs Atelier kam. Eine schöne Überraschung, sagt sie.
„Filmowa Góra“ heißt das Festival, der Filmische Berg. 2005 begann es klein und überschaubar in der westpolnischen Stadt Zielona Góra. Was folgte, nennt man in anderen Branchen aggressive Expansion. Der Filmische Berg wuchs. Zunächst nur innerhalb Polens, dann auch in Schottland. Seit diesem Jahr ist es ein richtig internationales Festival. Die Filme laufen in acht europäischen Städten – zugleich in Polen, Schottland, der Ukraine und jetzt auch in Deutschland. Im Berliner Wedding, in Josef Vislers großem Atelier.
Ein Ball hüpft durch die Tür hinein. Elena stürmt hinterher, sie will mit ihrem Vater draußen im Hof Fußball spielen. Josef hält den Ball kurz fest. Er kann jetzt nicht spielen. Elena schnappt sich den Ball und spielt drinnen weiter. Unter den hohen Decken des Ateliers ist dafür genug Platz. Die mannshohe Fräsmaschine fällt hier kaum auf. Ein Haufen Brennholz liegt bereit, daneben ein Bund Eisenstangen und ein paar verbrauchte Hobel. Eine längliche Lichtinstallation lehnt am Geländer der halb in den Raum reichenden Zwischenetage. Von oben blicken Büsten und Skulpturen hinab. Eine ganze Kunstfabrik samt Ausstellung kommt hier unter. Vor der massiven Werkbank summt der Filmprojektor schon. Neben dem Amboss rückt Josef den elften Stuhl zurecht. Die sollten erst mal reichen. Er setzt sich und blickt zufrieden auf die Wand, wo das Signalbild des DVD-Spielers aufleuchtet.
Seit Anfang Juli läuft das Festival schon. Im Siebentagerhythmus werden mittwochs die Wettbewerbsbeiträge und donnerstags je ein Film außer Konkurrenz gezeigt. Die Vorführungen finden in allen acht Festivalstädten zeitgleich statt. Damit soll einer möglichen Wettbewerbsverzerrung vorgebeugt werden. Das Festival hat zwar seine feste Jury, der ein sehr prominenter Name vorsteht: Krzysztof Zanussi. Die Vorauswahl wird aber von den Zuschauern vor Ort getroffen. Davon lebt das Ganze, das ist das Prinzip. Die Zuschauer, tja ja, die Zuschauer.
Josef schiebt die schwere Werkstatttür auf und schaut in den Hof. Ein Vogel besingt die Abenddämmerung über dem Nordwedding. Der autofreie Hinterhof der alten Hutfabrik leuchtet rötlich und Josef guckt noch eine Weile in die halbgrüne Leere. Dann kommt plötzlich Leben in die Sache. Jetzt ist die schöne Sonne langsam weg, sagt Josef, jetzt kann man Videogucken. Er lacht und schließt die Eisentür. Mary und Elena setzen sich in die erste Reihe.
Sieben Filmkategorien laufen im Wettbewerb. Eine Kategorie pro Woche. Letzten Mittwoch liefen die „Paradokumentarfilme“. Vorher gab es „Toxische Menschen“ und Animationsfilme. Josef fand bislang die Trickfilme am besten. Mit einfachsten Mitteln gemacht und dabei super Effekte, und viele sehr tiefsinnig. Die heutige Kategorie heißt „Soziale Profilaktik“. Elena schubst den Ball unter ihren Sitz und rutscht auf dem Stuhl nach hinten. Es geht los.
Pech, Übermut, Waghalsigkeit? – der junge Mann im Trainingsanzug überlegt lange, bevor er den Satz zu Ende bringt – vielleicht war es auch einfach nur Schicksal? Sein nachdenkliches Gesicht bleibt noch einige Sekunden im Bild, er sagt aber nichts mehr. Der erste Film begleitet zwei Polen in einer Reha-Klinik, beide sind Anfang zwanzig und nach Unfällen querschnittsgelähmt. Er endet mit einer Szene hoch über der Erde, mit einem Fallschirmsprung. Mary und Elena klatschen Beifall, als der junge Mann schließlich die Sicherungsleine zieht.
Der zweite Film portraitiert ein alternatives Polen. Ein ganzes Jahr lang wird das Leben einer riesigen Hausbesetzergemeinschaft gezeigt, die sich in einer ehemaligen Warschauer Fabrik eingerichtet hat. Linke Skinheads, Theologiestudenten und minderjährige Anarchisten aus Weißrussland betreiben dort eine beinahe-Autarkie. So wie hier früher, nicht wahr, ruft Mary, ohne den Blick von der Leinwand zu nehmen. Josef lacht laut auf. Ja. Bevor er hier sein Atelier einrichtete, war die alte Hutfabrik auch mal ein besetztes Haus. Das war in den 80ern. Heute gehört das Grundstück den ehemaligen Besetzern, ganz offiziell. Josef schaut ungläubig, als Bulldozer das Warschauer Hausbesetzeridyll niederreißen. Ein Punker mit goldener Nickelbrille dreht sich zur Kamera und hebt sein Dosenbier zum Toast: Wo etwas endet, da beginnt auch wieder was, sagt der Punker und Josef, Mary und Elena schauen ihm dabei zu.
Im Abspann steht, dass der Punker heute in Berlin lebt. Schade, dass ihn niemand zur Vorführung eingeladen hat, sagt Mary. Wär doch lustig gewesen. Josef nickt und schaut auf seine Tochter. Ja, schade. Eigentlich gibt es noch einen dritten Film. Aber das wird wohl zu viel für heute, sagt er und schaut noch mal zu seiner Tochter. Elenas Augen zucken leicht und dann fallen sie ganz langsam zu. Schade eigentlich.
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